Die A4 / V2 und die Geschichte der Raketenforschung in Deutschland
Auf die Entwicklung der A4-Rakete, gegen Ende des zweiten Weltkrieges als „Vergeltungswaffe 2“ (Vergeltungswaffe Zwei) bekannt, kann niemand stolz sein. Sie war die weltweit erste ballistische Rakete und das erste von Menschen geschaffene Objekt, das den Rand des Weltraums erreichte. Sie wurde während des Zweiten Weltkriegs vom nationalsozialistischen Deutschland entwickelt und eingesetzt. Die für die V2 entwickelte Technik ermöglichte später Raumfahrtprojekte wie die Mondlandung von Neil Armstrong und Buzz Aldrin im Jahr 1969. In diesem Sinne gilt die V2 als die Mutter aller modernen Raketen und ist für die Geschichte der Raumfahrt von grosser Bedeutung.
Ursprung und Entwicklung
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Deutschland durch den Versailler Vertrag in der Entwicklung klassischer Artillerie eingeschränkt. Dies förderte alternative militärische Forschungen – darunter die Raketenentwicklung, da diese nicht explizit verboten war.
Bereits in den 1920er Jahren gründeten Raketenpioniere wie Hermann Oberth, Rudolf Nebel und der junge Wernher von Braun Raketenvereine, darunter den Verein für Raumschiffahrt (VfR). Erste Raketenstarts fanden auf dem Berliner Raketenflugplatz in Reinickendorf statt.
1932 trat der technikbegeisterte Wernher von Braun in die Raketenabteilung der Reichswehr ein. Bald darauf begann das Militär, systematisch in die Entwicklung von Flüssigkeitsraketen zu investieren.
Schon vor dem Zweiten Weltkrieg begann von Braun mit der Entwicklung eigener Raketen. Sein Ziel, den Weltraum zu erreichen, war von Anfang an ein starker Antrieb für den jungen Ingenieur. 1933 entstand die erste Versuchsrakete, bekannt als Aggregat 1 (A1), die mit Flüssigtreibstoff betrieben wurde. Nach der Explosion der 1,4 Meter langen und 150 kg schweren Rakete flossen die gewonnenen Erkenntnisse in das Nachfolgemodell Aggregat 2 (A2) ein. Die 1,6 Meter lange A2 war die erste funktionsfähige Rakete, die von Braun entwickelte – mit einfachen, aber funktionierenden Steuerdüsen.
Das Zentrum der Raketenentwicklung war die geheime Heeresversuchsanstalt Peenemünde auf der Insel Usedom. Ab 1937 wurden dort systematisch Raketen getestet und weiterentwickelt. Noch im selben Jahr begann die Erprobung der grösseren und steuerbaren A3, von der vier Exemplare gebaut wurden. Alle Starts scheiterten jedoch aufgrund schwerwiegender Steuerungsprobleme. Die daraus gewonnenen Erfahrungen flossen in das verbesserte Nachfolgemodell A5 (1938–1942) ein, das hauptsächlich zur Erprobung aerodynamischer Steuerung diente.
Unter der Leitung von Wernher von Braun (technischer Direktor) und Walter Dornberger (militärischer Leiter) arbeiteten in Peenemünde Tausende Wissenschaftler, Ingenieure, Soldaten und Zwangsarbeiter an der Entwicklung und Erprobung der Raketen. Die abgeschiedene Lage bot Schutz vor feindlicher Aufklärung und erlaubte Raketenstarts über die Ostsee hinweg.
Die erste erfolgreiche Testzündung einer A4-Rakete (später V2 genannt) gelang am 3. Oktober 1942. Dieser Flug gilt als der erste eines von Menschen gebauten Objekts, das den Rand des Weltraums erreichte – ein Meilenstein der Technikgeschichte und Beginn des modernen Raketenzeitalters.
Die A4/V2
Die A4 war die erste voll funktionsfähige moderne Rakete mit einem Flüssigtreibstoff-Raketentriebwerk. Sie gilt als die Urmutter aller modernen Raketen. Nach dem Krieg war die V2 Gegenstand intensiven Interesses der Alliierten. Sowohl die USA als auch die Sowjetunion bemühten sich, deutsche Raketeningenieure und deren Technologien für sich zu gewinnen. Im Rahmen der Operation Paperclip wurde Wernher von Braun zusammen mit seinem Team in die USA gebracht. Ihre Arbeit bildete die Grundlage für das amerikanische Raumfahrtprogramm – insbesondere für die Saturn-V-Rakete, mit der Menschen zum Mond flogen.
Technische Daten der A4/V2
- Länge: 14 m
- Durchmesser Rumpf: 1.65 m / über alles: 3.56 m
- Startgewicht: ca. 12.900 Kilogramm
- Schub: 25'700 kg
- Reichweite: bis zu 320 km
- Gipfelhöhe: bis 90 km
- Höchstgeschwindigkeit: über 5.400 km/h
- Treibstoff: 4 t Ethanol (Alkohol) und 4 t Flüssigsauerstoff
- Sprengkopf: ca. 1 Tonne Amatol
Die V2 wurde senkrecht gestartet, erreichte eine Flughöhe von bis zu 90 Kilometern und folgte dann einer ballistischen Flugbahn. Durch ihre Geschwindigkeit war sie beim Einschlag nicht zu hören oder abzufangen – ein psychologisches Schreckensinstrument.
Die Technik der A4/V2
Trotz ihrer kriegerischen Verwendung war die V2 eine technische Pionierleistung: Erstmals wurde ein flüssigkeitsbetriebener Raketenmotor in großem Massstab eingesetzt, erstmals gelang ein suborbitaler Flug, und erstmals steuerte ein Flugkörper völlig autonom über Hunderte von Kilometern hinweg sein Ziel an.
Der Aufbau war hochkomplex, zugleich jedoch streng funktional: In der Spitze befand sich ein rund eine Tonne schwerer Sprengkopf, darunter lagen die Steuerungs- und Lageregelungssysteme, gefolgt vom Treibstofftank, der Brennkammer und dem Antriebsmodul im Heck.
Das Herzstück der V2 war ihr flüssigkeitsbetriebener Raketenmotor. Dieser verwendete ein Treibstoffgemisch aus Ethanol (Alkohol) und Wasser sowie flüssigem Sauerstoff als Oxidator. Die beiden Komponenten wurden unter hohem Druck in die Brennkammer eingespritzt, wo sie unter großer Hitze verbrannten. Dabei entstand ein gewaltiger Schub von etwa 25 Tonnen – genug, um die Rakete senkrecht in den Himmel zu treiben. Die Technik der A4 war in allen Bereichen richtungsweisend – sowohl für ihre Zeit als auch für die Zukunft der Raketentechnik.
Der Start dauerte nur etwa 65 Sekunden. In dieser kurzen Zeit erreichte die Rakete bereits eine Geschwindigkeit von über 1.300 Metern pro Sekunde. Nachdem das Triebwerk abgeschaltet wurde, flog die V2 wie ein Geschoss weiter, nur deutlich schneller und höher. Die maximale Flughöhe lag bei rund 90 bis 100 Kilometern, also oberhalb der heute allgemein akzeptierten Grenze zum Weltraum. Anschliessend stürzte sie mit Überschallgeschwindigkeit auf ihr Ziel hinab – meist Städte in Belgien, Frankreich oder Grossbritannien.
Gelenkt wurde die Rakete mithilfe eines ausgeklügelten Systems aus Gyroskopen und Luftlenkklappen. Die Gyroskope registrierten Veränderungen in der Fluglage, während kleine Steuerklappen im Abgasstrahl sowie aerodynamische Ruder an der Aussenhülle die Flugrichtung beeinflussten. Ein eingebauter Beschleunigungsmesser stoppte den Treibstofffluss automatisch, sobald die gewünschte Geschwindigkeit erreicht war.
Einsatz im Zweiten Weltkrieg
Die V2 wurde ab September 1944 gegen alliierte Städte eingesetzt, vor allem gegen London, Antwerpen und Lüttich. Insgesamt wurden über 3.000 Raketen abgefeuert. Trotz ihrer revolutionären Technik war ihr militärischer Effekt begrenzt. Zwar verursachte sie immense Zerstörung und forderte Tausende Todesopfer, konnte den Kriegsverlauf aber nicht entscheidend beeinflussen.
Besonders tragisch war die Zwangsproduktion im Mittelwerk Dora, wo tausende KZ-Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen arbeiteten und starben.
Die Fieseler Fi103 / V1
Parallel zu von Brauns Arbeiten wurde ab 1934 auch an Gleitbomben und automatischen Flugkörpern geforscht. Firmen wie Argus, Fieseler und DLH (Deutsche Luftfahrt Hochgeschwindigkeits GmbH) arbeiteten an der Entwicklung der späteren V1. 1939 gab das Reichsluftfahrtministerium (RLM) den offiziellen Entwicklungsauftrag für eine „Fernlenk-Flugbombe“. Ziel war es, eine kostengünstige, serienreife Waffe zu schaffen, die grosse Mengen Sprengstoff über weite Strecken transportieren konnte. Die Fi 103 (Fieseler 103) erfüllte diese Anforderungen und wurde in grosser Stückzahl gebaut. Die propagandistische Bezeichnung V1 („Vergeltungswaffe 1“) wurde erst 1944 eingeführt.
Die Endmontage und Teile der Produktion wurden später in das unterirdische Stollensystem „Mittelwerk“ bei Nordhausen verlegt. Dort arbeiteten über 10.000 KZ-Häftlinge unter Zwang, viele aus dem nahegelegenen Lager Dora-Mittelbau. Die Bedingungen waren katastrophal: Dunkelheit, Kälte, Hunger, Misshandlungen und völlige Ausbeutung führten zu tausenden Todesfällen – allein zur Produktion dieser „Vergeltungswaffe“.
Die V1 erreichte Ende 1943 ihre Einsatzreife. Ab Juni 1944 wurde sie in Massen von Startstellungen in Nordfrankreich gegen London, später auch gegen Antwerpen und Brüssel eingesetzt. Ziel war es, durch Terror die Moral der Zivilbevölkerung der Alliierten zu schwächen. Zwischen 1944 und 1945 wurden etwa 30.000 V1 produziert, von denen über 10.000 tatsächlich abgefeuert wurden. Allein auf London schlugen rund 2.500 V1 ein und töteten etwa 6.000 Menschen. Viele weitere wurden durch Flak, Sperrballons und Jagdflugzeuge abgefangen.
Eine direkte Verwandtschaft zwischen der V1 und der späteren V2 bestand aufgrund ihrer unterschiedlichen Technik und Entwicklungsgeschichte nicht.
Peenemünde als Standort
Die Raketenentwicklung in Peenemünde begann offiziell 1936 mit dem Aufbau der Heeresversuchsanstalt (HVP) auf der Ostseeinsel Usedom. Es entstanden Prüfstände, Werkstätten und Wohnanlagen. 1937 zog das Team um Wernher von Braun von Kummersdorf bei Berlin nach Peenemünde um.
Die verschiedenen Entwicklungs- und Testanlagen waren durch eine eigens gebaute Eisenbahn miteinander verbunden. Auf einem Schienennetz von gut 100 km wurde die Bahn für den Transport von Materialien, Arbeitern und Zwangsarbeitern eingesetzt. Die Dimensionen und der technologische Fortschritt der Anlage waren für die damalige Zeit aussergewöhnlich: Peenemünde war die grösste militärische Forschungs- und Entwicklungsanlage Europas.
Nachdem alliierte Aufklärung die Bedeutung des Standortes erkannt hatte, wurde Peenemünde am 17./18. August 1943 Ziel des britischen Luftangriffs „Operation Hydra“. Dabei wurden Teile der Anlage zerstört, hunderte Menschen, darunter viele Zwangsarbeiter, kamen ums Leben.
In der Folge verlagerte man grosse Teile der Produktion in unterirdische Anlagen, vor allem in das Mittelwerk bei Nordhausen, wo die Bedingungen für Zwangsarbeiter besonders menschenunwürdig waren.
Heute befindet sich auf dem Gelände das Historisch-Technische Museum Peenemünde, das die Geschichte der Raketenentwicklung kritisch beleuchtet. Sowohl in technischer als auch ethischer Hinsicht. Peenemünde steht exemplarisch für den ambivalenten Fortschritt: Es war Geburtsort der Raumfahrt, aber zugleich ein Ort, an dem Technologie im Dienst eines verbrecherischen Regimes stand.
Nachkriegszeit und Bedeutung
Nach dem Krieg war die V2 von grossem Interesses der Alliierten. Sowohl die USA als auch die Sowjetunion bemühten sich, deutsche Wissenschaftler und Technologien für sich zu gewinnen. Im Rahmen der „Operation Paperclip“ wurde Wernher von Braun mit seinem Team in die USA gebracht. Ihre Arbeit bildete später die Grundlage für das US-amerikanische Raumfahrtprogramm, einschliesslich der Saturn-V-Rakete, die Menschen zum Mond brachte.
Parallel dazu wurde die V2 in der Sowjetunion nach dem Krieg in vereinfachter Form nachgebaut und flog ab 1948 unter dem Namen R1. Mit der R5 entstand ab 1950 die erste sowjetische Langstreckenrakete, welche auf Basis der V2 entwickelt wurde.
Die V2 war somit nicht nur eine Waffe, sondern auch ein Ausgangspunkt der modernen Raumfahrttechnik. Ihre Entwicklung markierte den Beginn des Raketenzeitalters.