Die Chinesische Raumstation, offiziell Tiangong („Himmels-Palast“), ist Chinas erste dauerhaft bemannte Orbitalstation. Sie wird von der China Manned Space Agency (CMSA) betrieben und umkreist die Erde in rund 390 Kilometern Höhe bei einer Bahnneigung von 41,5 Grad. Tiangong dient als nationales Weltraumlabor für wissenschaftliche Experimente, technologische Erprobungen und internationale Kooperation. Mit einer Gesamtmasse von etwa 100 Tonnen und einem habitablen Volumen von 122 Kubikmetern bietet sie Platz für bis zu sechs Personen, wobei üblicherweise drei Taikonauten an Bord sind.
Die Station ist modular aufgebaut, vollständig eigenständig entwickelt und für eine Lebensdauer von mindestens 15 Jahren ausgelegt, ein notwendiger Schritt, da China aufgrund US-amerikanischer Restriktionen keinen Zugang zur Internationalen Raumstation (ISS) hat.
Die Wurzeln von Tiangong reichen bis 1992 zurück, als das bemannte Raumfahrtprogramm Projekt 921 genehmigt wurde. Eine ursprünglich geplante Zusammenarbeit mit Russland kam nicht zustande, sodass China die benötigte Technologie eigenständig entwickelte. Zwischen 2011 und 2016 dienten die Prototypen Tiangong-1 und Tiangong-2 als Testplattformen: Tiangong-1 startete 2011 und ermöglichte den ersten unbemannten Andockversuch mit Shenzhou-8, während Tiangong-2 ab 2016 längere Aufenthalte bemannter Missionen erlaubte.
2013 wurden die Namen der endgültigen Module, Tianhe, Wentian und Mengtian, offiziell festgelegt. Der eigentliche Aufbau der Station begann 2021 mit insgesamt elf Missionen.
Am 29. April 2021 startete das Kernmodul Tianhe an Bord einer Langer-Marsch-5B-Rakete. Es bildet das Herzstück der Station, mit Steuerzentrale, Wohnbereich, Küche, Bad, Fitnessgeräten, einem zehn Meter langen Roboterarm und drei Andockports. Am 24. Juli 2022 folgte das Labor-Modul Wentian, das zunächst axial andockte und später seitlich versetzt wurde. Es dient vor allem biowissenschaftlichen Experimenten, verfügt über eine Backup-Steuerung, eine Schleuse für Aussenbordeinsätze und einen zweiten Roboterarm.
Das dritte Modul, Mengtian, startete am 31. Oktober 2022 und komplettierte am 3. November 2022 die charakteristische T-Form der Station. Seit diesem Tag ist Tiangong durchgehend bemannt.
Die drei Module, jeweils mit etwa 17 bis 18 Meter Länge und 4,2 Meter Durchmesser, sind hochmodern ausgestattet: Tianhe wiegt 22,5 Tonnen, Wentian 23,2 Tonnen und Mengtian 23 Tonnen. Zusammen erzeugen sie bis zu 120 Kilowatt Strom aus Galliumarsenid-Solarzellen und nutzen erstmals Hall-Ionentriebwerke zur Bahnkorrektur bei bemannten Missionen. Das chinesische Andocksystem ist mit internationalen Standards kompatibel.
An Bord laufen inzwischen über tausend Experimente, von Pflanzenzucht (Reis, Arabidopsis) über Materialforschung in Mikrogravitation bis zu kalten Atomuhren und Verbrennungsstudien. Die Taikonauten geben sogar Live-Unterricht im Rahmen des Programms Tiangong Classroom. Zum modernen Komfort zählen WLAN, ein Airfryer und ein QR-Code-basiertes Inventarsystem.
In den kommenden Jahren soll Tiangong weiter ausgebaut werden: Ab 2027 sind bis zu sechs Module, eine Gesamtmasse von rund 180 Tonnen und eine teilweise kommerzielle Nutzung geplant. 2026 wird das ko-orbitale Weltraumteleskop Xuntian mit einem 2-Meter-Spiegel und einem 300-mal grösseren Sichtfeld als Hubble starten. Tiangong öffnet sich zunehmend der internationalen Zusammenarbeit: Bereits heute laufen Experimente aus 17 Ländern, und 2025 fliegt erstmals ein pakistanischer Astronaut mit.
Bis mindestens 2030, und damit über das Ende der ISS hinaus, wird Tiangong die einzige dauerhaft bemannte Raumstation der Menschheit sein. Sie steht nicht nur für technologischen Fortschritt, sondern auch für Chinas Aufstieg zur führenden Weltraummacht.
Geschichte und Entwicklung
• 1992: Projekt 921 genehmigt, ursprünglich Zusammenarbeit mit Russland geplant.
• 2011–2016: Prototypen Tiangong-1 (Start 2011, erster Andockversuch mit Shenzhou-8) und Tiangong-2 (2016, erster längerer Aufenthalt).
• 2013: Offizielle Namensgebung (Tianhe, Wentian, Mengtian).
• 2020: Endgültige Planung für 11 Starts ab 2021.
• 2021–2022: Aufbau in zwei Phasen mit insgesamt 11 Missionen (3 Module + 4 Besatzungs- + 4 Frachtflüge).
• 3. November 2022: Fertigstellung der T-Konfiguration nach Versetzung von Mengtian – seitdem dauerhaft besetzt.
Verwendete Namen
• Gesamte Raumstation: Tiangong (Himmelspalast), wie die ersten beiden Raumlabors, aber ohne Nummer
• Kernmodul: Tianhe (Himmlische Harmonie), die Raumstation lebt mit dem Himmel bzw. Weltall harmonisch zusammen, das Kernmodul vereinigt und harmonisiert die anderen Module
• Wissenschaftsmodul: Wentian (Himmelsbefragung), im Sinne von „sich beim Himmel (über Naturkatastrophen od. ähnl.) beschweren“
• Weltraumteleskop: Xuntian (Himmelsdurchmusterung), von Mao Zedong in dem Gedicht „Den Seuchengott zur Hölle schicken“ auch im Sinne von „seinen Kontrollgang am Himmel machen“ verwendet
• Transportraumschiff: Tianzhou (Himmelsschiff)
