Peenemünde - ein Art Geburtsstätte der modernen Raumfahrt
Das Deutsche Heereswaffenamt suchte Mitte der dreissiger Jahre nach einem abgelegenen Gelände für die Entwicklung von Waffensystemen mit Raketenantrieb. In Peenemünde war mit der A4/V2 die erste funktionsfähige Grossrakete der Welt entstanden.
Ursprünglich wurde die Grundlagenforschung südlich von Berlin in der Heeresversuchsstelle Kummersdorf und auf dem kleinen Flugplatz Neuhardenberg durchgeführt. Doch das Gelände in Kummersdorf war für Raketenstarts nicht geeignet, denn man hätte die Raketen mitten in Deutschland über Städte und Dörfer hinwegschiessen müssen. So suchte das Heereswaffenamt nach einem Gelände an der Ostsee mit einem Schussfeld parallel zur pommerschen Küste. Es sollte abseits der grossen Städte liegen und gut zu sichern sein. Alle diese Bedingungen wurden durch die Gegend rund um Peenemünde erfüllt.
Obwohl der Bauuntergrund an einigen Stellen sehr kompliziert war, entschied man sich, hier die Versuchsstellen mit den gewaltigen Anlagen zu errichten.
Im August 1936 begannen die Bauarbeiten zur Errichtung der Heeresversuchsanstalt und der Versuchsstelle der Luftwaffe.
Wälder wurden abgeholzt, Wiesen trockengelegt und die notwendige Infrastruktur geschaffen. Von Zinnowitz aus wurde eine Eisenbahnlinie gebaut, auf der die Baumaterialien herantransportiert wurden und später auch die Züge der S-Bahn für den Personenverkehr fuhren. Für die Bauarbeiter der vielen Baufirmen errichtete man im Nordteil der Insel Usedom mehrere grosse Barackenlager.
Der weitere Ausbau der Anlagen während des Krieges war nur mit dem Einsatz von Zwangarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen möglich.
Nachdem alliierte Geheimdienste durch Aufklärungsfotos und Informationen über die Bedeutung von Peenemünde erfahren hatten, wurde die Anlage am 17. und 18. August 1943 Ziel eines grossangelegten Luftangriffs der Royal Air Force, der als „Operation Hydra“ bekannt wurde. Der Angriff beschädigte Teile der Anlage erheblich und forderte hunderte Todesopfer, darunter auch viele Zwangsarbeiter.
In der Folge wurden grosse Teile der Produktion und Entwicklung in unterirdische Anlagen, insbesondere ins Mittelwerk bei Nordhausen, verlagert, wo die Bedingungen für die Zwangsarbeiter katastrophal waren.
Heute befindet sich auf dem Gelände das Historisch-Technische Museum Peenemünde, das die Geschichte der Raketenentwicklung kritisch aufarbeitet. Die Ausstellung beleuchtet sowohl die technischen Errungenschaften als auch die ethischen und politischen Dimensionen des Raketenprogramms. Peenemünde steht sinnbildlich für den ambivalenten Fortschritt: Es war Geburtsstätte der Raumfahrt, aber auch ein Ort, an dem Technologie im Dienst eines verbrecherischen Regimes stand.
Die Anlagen auf Peenemünde
1 Die Erprobungsstelle der Luftwaffe - Werk West
An der Nordküste befand sich der Startplatz für die Flügelbombe Fieseler Fi 103, später V1 (Vergeltungswaffe 1). Im westlichen Bereich standen zwei Borsigschleudern, die mit Hilfe von Raketenschlitten die Fi 103 auf die erforderliche Startgeschwindigkeit von 430 km/h brachten.
Östlich davon befanden sich drei Walterschleudern, die jeweils mit einem Dampferzeuger einen Schussbolzen beschleunigten, der die Flügelbombe mitzog.
Das Erprobungskommando und die Firmen Fieseler und Argus hatten hier Gebäude für ihre Mitarbeiter, die die Versuche betreuten.
Unmittelbar am Ufer des Greifswalder Bodden befand sich das Messhaus Nord.
Südlich vom Startplatz standen mehrere Gebäude der Munitions-anstalt. Hier befanden sich Büros, Werkstätten und eine Kantine.
Vor der Küste, südöstlich der Insel Ruden, lag ein Zielschiff für die Erprobung der Gleitbomben, die aus grösserer Entfernung vom Flugzeug abgeworfen und auf das Ziel per Draht- oder Funklenkung gesteuert wurden.
2 Das Werksgelände
Von der Luftwaffe wurde die "Erprobungsstelle der Luftwaffe Peenemünde", das Werksgelände betrieben. Hier wurden Flugzeuge mit Raketenantrieb erprobt, Starthilfsraketen, Fernlenkwaffen und Gleitbomben.
Diese Einrichtung unterstand dem Reichsluftfahrtministerium und besass mehrere Hallen am Südrand des grossen Flugplatzes.
Direkt am Rande des Flugfeldes standen mehrere Hallen, die Flugleitung und die Junkershalle. Zwischen den Hallen stand eine kleine Holzhalle in der die Raketenflugzeuge Me 163 zur Erprobung vorbereitet wurden.
Eine grosse Halle befand sich im östlichen Bereich des Werkes.
In diesem Gebäude fand die Endmontage der Versuchsmuster der Fi 103 statt.
In den Hallen wurden nicht nur die Flugzeuge und Ferlenkwaffen zur Erprobung vorbereitet. Es gab in den Gebäuden auch Büros, Werkstätten und Laboreinrichtungen, wo die Testergebnisse ausgewertet und für den Truppeneinsatz nutzbar gemacht wurden.
Hinter den Hallen befanden sich mehrere Baracken mit weiteren Büros und Laborräume sowie die beiden Prüfstände, in denen unter anderem das Staustrahltriebwerk der Fi 103 getestet wurde.
Weitere Prüfstände befanden sich südwestlich vom Flugplatz im Bereich des ehemaligen Vorwerkes Peenemünde. Neben einem separaten Heizhaus gab es hier Büros und Laborräume für den Prüfstandsbetrieb.
Im südlichen Bereich des Werkes befand sich das Verwaltungsgebäude mit der Bildstelle und einem Kinosaal. Hier wurden die Filme von den Versuchsflügen entwickelt und ausgewertet.
Die Versorgung und die kulturelle Betreuung der Mitarbeiter erfolgte in der Kantine Dörres.
Ausserhalb des Werkes stand ein Wohnheim für Luftwaffenangehörige, ein Krankenrevier und in etwas grösserer Entfernung ein Barackenlager für die Soldaten der Technischen Kompanie des Flugplatzes und der Flakversuchsstelle.
In der Nähe des Flugplatzes wurde 1943/44 ein grosser Luftschutzbunker für 750 Personen errichtet.
3 Die Startrampe der A4 / V2 – offizieller Name Prüfstand VII
Der Startplatz, die Arena, war von einem ca. 10 m hohen Erdwall umgeben, der Explosionen eindämmen sollte und die Rakete beim Abheben vor Seitenwind schützte. Im Erdwall befand sich der Beobachtungs- und Messbunker, das Kontrollzentrum, in dem sich Buros, eine Werkstatt und die Geräte- und Bedienpulte für die Brennversuche und die Abschusskontrolle befanden. Für Brennversuche mit vollem Schub (25 Tonnen fuhr der Turm über die „Abgasschurre“. Im Boden der Schurre befand sich ein Kühlrohrsystem, welches den Beton vor der Zerstörung durch die über 2.000°C heissen Abgase des Raketentriebwerkes schützte, Bei den Brennversuchen wurde die Arbeit des Triebwerkes und des Steuerungssystems kontrolliert. Der Start der Rakete erfolgte senkrecht von einer Starttisch etwa in der Mitte der Arena Zur gefahrlosen Beobachtung der Startphase dienten 8 Periskope in der Decke des Kontrollzentrums. Alle Versuche wurden mit mehreren Foto- und Filmkameras dokumentiert.
4 Das Entwicklungswerk - Werk Ost
Der militärisch-industrielle Komplex in Peenemünde bestand aus drei separaten Anlagen. Dem Heer unterstand die Heeresversuchsanstalt mit dem Entwicklungswerk Werk Ost" und dem Versuchsserienwerk "Werk Süd". Die dritte Einrichtung, die Erprobungsstelle der Luftwaffe „Werk West" unterstand dem Reichsluftfahrtministerium. Die Einrichtungen des Heeres wurden vom Heereswaffenamt Abteilung WaPrüf 11, deren Chef der spätere Generalmajor Walter Dornberger war, geführt. Die Aufgabe dieser Werke bestand in der Entwicklung, Erprobung und der Serienfertigung einer ballistischen Rakete als Waffe für die Wehrmacht.
Der Technische Direktor des Entwicklungswerkes war seit 1937 der damals 25-jährige Dr. Wernher von Braun.
Verwaltungsbereich
Das Zentrum des Entwicklungswerkes war das Haus 4. Hier befanden sich die Büroräume der Technischen Direktion, Konferenzräume, Zeichensäle usw. Auch Wernher von Braun hatte hier sein Büro. Die militärische Leitung der Heeresversuchsanstalt befand sich im Gebäude der Kommandantur.
Im Werk gab es ein Offiziersheim, die Kantine Fischer sowie die Wohnheime Haus 1, 2, 5 und 30. In einem dieser Wohnheime wohnten auch General Dornberger und Wernher von Braun. Zum südlichen Bereich des Werkes gehörten die Nachrichtenzentrale im Haus 18, die drei Häuser der Bauleitung der Luftwaffe sowie das Gebäude der Baugruppe Schlempp (9). In diesem Bereich wohnten in zwei Zweifamilienhäusern (8) auch einige leitende Mitarbeiter des Werkes. Für den jeweiligen Kommandeur der Heeresversuchsanstalt hatte man ein separates Wohnhaus (5) errichtet.
Industriebereich
Die Herstellung der Versuchsexemplare der Raketen A3, A5 und A4 erfolgte in der Teile- und der Zusammenbauwerkstatt (47, 49). Zuarbeiten leisteten die Materialunter-suchung (26), die Prüfwerkstatt (37) und die Beizwerkstatt (36). Das Werk Ost besass ein separates Heizhaus (39) und ein kleines Spitzenkraftwerk mit einem Dieselaggregat (35), welches eine Leistung von 6 MW erzeugte.
Ein wichtiges Gebäude war das "Grosse Messhaus" (51), in dem der Bereich. "Bordausrüstung, Steuerung, Messtechnik" (BSM) untergebracht war.
Ausserdem wurde in einem kleinen Sauerstoffwerk (33) flüssiger Sauerstoff für die Raketen erzeugt, die mit Alkohol und flüssigem Sauerstoff angetrieben wurden. Der handwerkliche Nachwuchs wurde in einer Lehrwerkstatt (38) ausgebildet.
Für aerodynamische Untersuchungen im Überschall-bereich gab es ein Aerodynamisches Institut (31) mit eigenem Windkanal, ausgelegt bis zu einer Geschwindigkeit von über 4 Mach, was zu dieser Zeit einmalig in der Welt war.
5 Das Versuchsserienwerk - Werk Süd
Im Versuchsserienwerk Süd sollte ab Sommer 1943 die Fliessbandfertigung der Rakete A4 erfolgen. Dafür gab es zwei Hallen - die Fertigungshalle 1 (7) hatte eine Länge von 248 m und eine Breite von 120 m. Die Halle war 29,75 m hoch und besass zwei Ebenen. Auffallend war das sägezahnförmige Sheddach. Im Sockelgeschoss befanden sich die Materiallager und die Sozialeinrichtungen.
Auf der Etage darüber sollte die Serienfertigung auf drei Taktstrassen und der Montagebühne am Fliessband erfolgen. Ein ähnlich aufgebautes grosses Gebäude war die Instandsetzungswerkstatt (10). Zum Werk Süd gehörten ebenfalls die Materiallagerhallen 2 und 3 (9 und 11), die Holzwerkstatt (12) und die Vakuumtrockenanlage (15). Von der geplanten grossen Materiallagerhalle 1 (16) wurde bis 1943 nur das Fundament errichtet und dann als Lagerplatz für Baumaterial genutzt.
Das nur zur Hälfte fertiggestellte Verwaltungsgebäude (2) mit der Verwaltungsbaracke (3), die flugzeugförmige Kantine (4) und das Wachgebäude mit der Fahrbereitschaft (1) befanden sich im südlichen Bereich des Werkgeländes. Im nördlichen Bereich wurde ein Wasserwerk (14) errichtet. Das Werk besass auch eine eigene Feuerwehr und eine Lehrwerkstatt (5). Das gesamte Werk Süd befand sich 1943 noch in der Aufbauphase.
6 & 7 Das Versuchsserienwerk - Werk Süd
6 Im ehemaligen Dorf Peenemünde standen 1942 errichtete Sauerstoffwerk und das Steinkohlekraftwerk Peenemünde mit einer Leistung von 30 MW.
Zum Werk Süd gehörten auch drei Abnahmeprüfstände für die Raketen in den Peenewiesen, von denen 1943 aber nur der Mittlere, der P2 (spätere Bezeichnung P XI), einsatzbereit war. In diesen Abnahmeprüfständen sollten die im Werk Süd produzierten Raketen vor ihrem Transport zum Einsatzort kalibriert werden.
Peenemünder Wersksbahn
Mit dem Aufbau der Peenemünder Versuchsstellen wurde ab 1936 mit dem Bau einer Werkbahn begonnen, um Material und Personal zu transportieren sowie eine Anbindung an das Netz der Reichsbahn in Zinnowitz herzustellen. Am 28. Juli 1937 wurde die Bahn sie offiziell in Betrieb genommen. Nach der Fertigstellung der ersten Bahnsteige konnte auch der Personentransport aufgenommen werden.
Der ab 1939 beginnende Aufbau eines Raketenfertigungswerks führte zu einer erheblichen Erweiterung der Heeresversuchsanstalt. Die Werkbahn musste nun große Mengen an Material befördern und mehrere tausend zusätzliche Arbeitskräfte transportieren. Das Heeresneubauamt errichtete zunächst zwei Gleisringe um das neue Fertigungswerk und erweiterte das Schienennetz in den folgenden Jahren stetig.
Ab Oktober 1940 kamen erste Akkumulatoren-Triebwagen zum Einsatz. Diese wurden schrittweise durch elektrische Triebzüge ersetzt, die ihren Strom über Oberleitungen bezogen und technisch an die Berliner S-Bahn angelehnt waren. Im Zuge des weiteren Ausbaus und der technischen Umstrukturierung wurde die Werkbahn 1943 aus der Heeresversuchsanstalt herausgelöst und als eigenständige Organisationseinheit mit eigener Direktion weitergeführt.
Die Peenemünder Werkbahn besass in ihrer grössten Ausbaustufe ein Schienennetz von 106 km mit 12 Haltepunkten. Auf einer Streckenlänge von 71,6 km waren die Gleise mit Fahrdraht überspannt. Eingesetzt wurden 15 aus Trieb- und Steuerwagen bestehende Triebwagenzüge. Zur Wartung und Instandsetzung der S-Bahn-Züge wurde eine Wagenhalle gegenüber der Wohnsiedlung errichtet.
Opertion Hydra / Die Bombardierung von Peenemünde
Ab 1939 verfügten die Briten über Hinweise auf deutsche Rüstungsprojekte, bei denen auch Raketen entwickelt werden sollten. Doch erst mithilfe der damals neuen Luftbildtechnik gelang es, Peenemünde als Zentrum der Raketenentwicklung zu identifizieren. Der Angriff begann in der Nacht vom 17. auf den 18. August 1943. Ein vorangegangenes Täuschungsmanöver hatte die deutschen Abwehrkräfte in Richtung Berlin abgelenkt, sodass Peenemünde ungeschützt blieb.
Aufgrund einer Verwechslung durch die britischen Zielmarkierer verlagerte sich der Angriff etwas nach Süden. Dabei wurden neben Forschungseinrichtungen auch Unterkünfte von Wissenschaftlern und Zwangsarbeitern getroffen. Rund 700 Menschen kamen ums Leben, darunter führende Persönlichkeiten wie Walther Thiel und Erich Walther.
Militärisch blieb der Erfolg begrenzt: Die Entwicklung der "V2" war nahezu abgeschlossen, wichtige Konstruktionspläne waren bereits ausgelagert. Der Angriff beschleunigte jedoch die Verlagerung der Produktion in unterirdische Stollen, vor allem nach Mittelbau-Dora.
Geschichte nach 1945
Nach 1945 nahmen die Siegermächte USA, UdSSR, Grossbritannien und Frankreich das Raketenwissen der Deutschen in ihren Besitz. Sie analysierten erbeutete Raketen, Bauteile und Konstruktionsunterlagen und verpflichteten deutsche Experten zur Mitarbeit an eigenen Raketenprojekten.
In Peenemünde waren Tausende Vorrichtungen entwickelt worden, die für den erfolgreichen Flug einer Grossrakete notwendig waren – etwa Geräte und Verfahren zur Flugführung und -steuerung. Alle vier Alliierten wollten dieses Wissen für die rasche Entwicklung eigener Waffensysteme nutzen.
Dazu boten sich verschiedene Möglichkeiten: Zum einen versuchten die Siegermächte, möglichst viele Raketen und Raketenteile zu sichern. Die ergiebigste „Fundgrube“ war dabei die Produktionsstätte in Nordhausen. Noch wertvoller jedoch waren die Fachleute, die über das notwendige Wissen verfügten.
Zunächst ging es darum, den in Peenemünde erreichten technischen Stand zu erfassen – unter anderem durch den Abschuss von A4/V2-Raketen im Rahmen der britischen Operation Backfire. In der Folgezeit setzten die Alliierten gezielt das Know-how deutscher Raketenexperten ein, um eigene Raketenentwicklungen voranzutreiben.
In Peenemünde war die erste funktionsfähige Grossrakete der Welt entstanden. Ihre Technologie bildete die Grundlage aller späteren Raketenprogramme. Sowohl die Trägerraketen der Raumfahrt als auch die Raketenwaffen des Kalten Krieges basieren auf den Entwicklungen, die dort geleistet wurden.